Die aktuelle Predigt

Pfarrer Hans Veit

 

 

 

 

 

Hier finden Sie die aktuelle Predigt vom letzten Gottesdienst.

Aktuelle Predigt:

Liebe Gemeinde,

heute beschäftigt uns also das vierte Soli, das vierte „Allein“ in unserer Themenreihe zur Reformation: „Allein Christus“. Martin Luther sagt damit: Er, Jesus Christus, ist der Dreh- und Angelpunkt von allem. Er ist die Mitte des Evangeliums. Ohne Jesus Christus ist weder die Bibel, noch Gottes Zuwendung zu uns zu verstehen. Allein Christus.

 

Für Martin Luther steckt hinter dieser Aussage eine tiefe biografische Erfahrung. Wer den Kinofilm über Martin Luther gesehen hat, hat vielleicht auch noch die Szene vor Augen, wie Martin Luther in seiner Mönchszelle mit sich und Gott ringt. Er ist voller Anfechtung. Er spürt, dass er in keiner Weise Gott gerecht wird: Sein Glaube ist zu angefochten, sein Glaubensleben und seine Gedanken von Sünde und Schuld durchdrungen. Gott ist für ihn ein strenges, gerechtes Gegenüber, vor dem er nur Angst haben kann. Denn ihm und seinen Ansprüchen wird er nie gerecht. Der Teufel persönlich scheint in seiner Mönchszelle zu sein. So angefochten ist er. Luthers Beichtvater und Vorsteher des Klosters hört seine verzweifelte Schreie und Gebete und sucht Martin in seiner Zelle auf. Er fragt ihn: „Martin, was suchst du“. Die Antwort: „Ich suche einen barmherzigen Gott, einen Gott, den ich lieben kann.“ Johannes von Staupitz nimmt das kleine Kreuz, sein Kruzifix, das er um den Hals trägt ab und drückt es dem Mönch Martin in die Hand. „Schau auf Christus!“, sagt er ihm leise. „Schau auf Christus!“. Das ist die einzige Antwort, die der Seelsorger für Martin hat. Aber eine Antwort, der Martin Luther nachgeht und die irgendwann später für ihn zum Schlüssel für alles wird.

 

Ein liebendes Herz Gottes hat sich für Martin Luther lange nicht erschlossen. Woher auch. Alle Welt hat ihm erzählt, dass Gott ganz anders ist – der gerechte Gott, der meine Fehler sieht und sie streng bestraft. So wurde er erzogen. Er erlebt die Predigten in den Gottesdiensten nicht als Froh-, sondern Drohbotschaft. So wie du bist, so wie du denkst und fühlst, so wie du lebst, wirst du Gottes Anspruch nie gerecht.

 

Es war dieser Perspektivenwechsel, den Martin Luther von seiner Angst vor Gott befreite. Schau auf Christus. In Jesus Christus erkennst du, wer Gott ist. Im ihm zeigt Gott sein Herz; zeigt, wie er uns liebt. Allein in Christus wird uns dies zur Gewissheit.

 

Martin Luther musste sich zuerst mühsam von vielen Bildern lösen, die er sich von Gott gemacht hatte. Das scheint ein Grundproblem von uns Menschen zu sein, dass wir uns laufend Bilder von etwas machen, was wir gar nicht fassen können. Jede und jeder von uns hat ein eigenes Bild von Gott. Wir alle sind geprägt von Menschen, die uns Gott nahe brachten – oder uns von Gott weg brachten. Unser Bild von Gott ist geprägt durch unsere Eltern, durch den Religionsunterricht, durch meine guten und schlechten Erfahrungen mit Kirche und Christen, durch die Medien und viele andere Faktoren. Mit dieser Brille sehen wir Gott. Mit dieser Brille bilden wir uns ein Urteil über ihn und über uns.

 

Um in diesem Bild zu bleiben – Martin Luther will sagen: Wenn wir eine Sehhilfe suchen, um Gott und uns genau erkennen zu können, dann setzt die Brille „Christus“ auf. Allein in Christus erkennst du Gottes Wesen und allein in ihm entdeckst du dich selbst.

 

Wir haben gerade zwei Taufen erlebt. Sie sprechen in meinen Augen eine deutliche Sprache. Was wir gerade erlebt haben, ist Evangelium pur. Was wir gerade erlebt haben, ist ein Blick in Gottes Herz.

 

Normalerweise würden wir Menschen sagen – und es gibt auch viele, die dies so sehen: Du Mensch, du musst zuerst in Ordnung sein, bevor du getauft bist. Du Mensch, du musst dich zuerst als würdig erweisen. Du musst zuerst einen tiefen und gewissen Glauben haben. Du musst dich zuerst zu Gott bekehren. Du musst durch dein Leben beweisen, dass du es ernst meinst mit dem Glauben. Du musst zur Taufe reif sein.

 

Doch was ist gerade geschehen? Silas und Emily wurden getauft. Emiliy konnte sich zu ihrer Taufe äußern – Silas ist dazu noch nicht fähig. Ich denke, dass beide die eben genannten Erwartungen in keiner Weise erfüllen. Beide können nicht annähernd erfassen, was Taufe in ihrer Tiefe bedeutet. Und in Klammer gesagt: Vielleicht verbindet das uns mit den beiden unmündigen Kindern – dass auch wir in der Tiefe nicht erfasst haben, was unsere Taufe alles bedeutet. Klammer zu.

 

Ja, was ist geschehen? Zwei Kindern, die dies alles Gott bringen können, werden getauft. Deutlicher kann man nicht zeigen, dass die Taufe ein Geschenk ist. Dass Gottes Zuwendung voraussetzungslos ist. Dass seine Liebe den Beiden gilt, obwohl sie sich noch gar nicht als so liebenswert vor Gott erwiesen haben. Uns wurde vor Augen geführt, dass Emily und Silas – aber auch wir alle – geliebte Menschenwesen sind, für die Gott ein aufrichtiges Interesse hat. Dass Emily und Silas – und auch uns allen – zugesprochen wird: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.

 

Dies erfahren und verstehen wir nur in Christus, sagt Martin Luther. Den seelsorgerlichen Rat seines Beichtvater gibt er weiter. Sieh auf Christus.

 

Wir könnten nun eine Fülle von Bibelstellen aufführen, die dieses „Allein Christus“ unterstreichen. Es war ja Luthers theologische und existenzielle Erkenntnis, dass das ganze neue Testament von dieser Botschaft durchdrungen ist. Ich möchte heute Morgen unsere Gedanken nur auf eine biblische Geschichte lenken, eine Geschichte, die meisten von uns sehr gut kennen. Gerade deshalb lohnt es sich, sehr aufmerksam und genau nochmals hinzuhören:

 

Jesus kam nach Jericho und zog durch die Stadt.

Und sieh doch: Dort lebte ein Mann, der Zachäus hieß.

Er war der oberste Zolleinnehmer und sehr reich.

Er wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus war.

Aber er konnte es nicht, denn er war klein

und die Volksmenge versperrte ihm die Sicht.

Deshalb lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum,

um Jesus sehen zu können – denn dort musste er vorbeikommen.

Als Jesus an die Stelle kam, blickte er hoch und sagte zu ihm:

"Zachäus, steig schnell herab. Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein."

Der stieg sofort vom Baum herab. Voller Freude nahm er Jesus bei sich auf.

Als die Leute das sahen, ärgerten sie sich und sagten zueinander:

"Er ist bei einem Mann eingekehrt, der voller Schuld ist!"

Aber Zachäus stand auf und sagte zum Herrn:

"Herr, sieh doch: Die Hälfte von meinem Besitz werde ich den Armen geben. Und wem ich zu viel abgenommen habe, dem werde ich es vierfach zurückzahlen."

Da sagte Jesus zu ihm:

"Heute ist dieses Haus gerettet worden, denn auch er ist ein Sohn Abrahams! Der Menschensohn ist gekommen, um die Verlorenen zu suchen und zu retten."

 

Da standen sie, die gläubigen Menschen. Voller Erwartungen sehen sie auf Jesus. Sie sind sich sicher: Er kommt zu uns. Er wendet sich uns zu. Hört unsere Nöte. Heilt unsere Krankheiten. Segnet uns. Klar, auch andere waren darunter. Distanzierte. Sogar Feinde Jesu. Sie erwarteten, dass er sich mit ihren Fragen, Zweifeln und Vorwürfen auseinander setzt. Dass er sich als der erweist, für den er sich ausgibt: Der Messias, der von Gott gesandte.

 

Doch Jesus hat zunächst kein Auge für sie. Er geht an denen vorbei, die sich würdig fühlen, ihm zu begegnen. Er geht an denen vorbei, die den Diskurs mit ihm suchen. Er hat den einen Menschen entdeckt, der sich versteckt – vor sich und vor den anderen. Er sieht den kleinen Zachäus, der sich noch kleiner macht, als er ist, weil er genau weiß: Ich bin unter denen, die hier am Straßenrand stehen, am wenigsten würdig, von Jesus beachtet zu werden. Er, der als klassischer Sünder von allen abgestempelt ist. Dem seine Ungerechtigkeit als Zöllner und seine Kooperation mit der römischen Besatzungsmacht vorgeworfen wird. Wenn man einen klassischen Sünder suchen würde – er würde ihn hergeben.

 

Und ausgerechnet auf ihn geht Jesus zu. Er stellt sich unter den Baum, auf dem Zachäus sitzt. So ist er: Jesus stellt sich unter den Sünder. Er schaut nicht auf ihn herab. Er schaut zu ihm hoch. Das ist Würde. So handelt Gott. Er stellt sich unter unsere Bäume und Verstecke, unter unsere Entschuldigungen und Beschuldigungen, unter unsere Rechtfertigungsversuche – unter uns. Nicht über uns. So handelt Gott. So wird sein Interesse an uns deutlich. Aber, sagt uns Martin Luther, aber das erkennen wir nur, wenn wir auf Jesus schauen. Er ist das Spiegelbild Gottes.

 

Wir entdecken, dass diese Haltung Jesu auf Resonanz stößt. Weniger bei den Zuschauern. Die gaffen und zerreißen sich den Mund über ihn. Aber Zachäus reagiert. Er steigt vom Baum herab. Voller Freude, wird uns erzählt. Und er verändert sich. In ihm verändert sich etwas. Er spürt die Liebe Gottes. Er spürt die Würde, mit der Gott ihm begegnet. Er weiß sich angenommen trotz seiner Begrenztheit und seiner Schuld. Er versteht tief ins sich drin: So ist Gott. Er nimmt mich armen Sünder an – trotz allem. Und wir entdecken, wie diese Zuwendung Jesu den Menschen verändert. Zachäus wird befreit zum Leben. Befreit zum Teilen.

 

Das war Martin Luthers große Erkenntnis. Nicht die Kirche, nicht die Heiligen, auch nicht meine Bußhandlungen und meine Anstrengung vor Gott gerecht zu leben sind der Schlüssel zu Gott. Allein Christus. Allein Gottes Zuwendung in Christus verbindet uns mit ihm. Das ist für Luther allumfassend. Allein in Christus erkennen wir das Wesen Gottes. Allein durch Christus finden wir zu Gott. Allein in ihm sind wir gerechtfertigt.

 

Ganz kompakt hat Martin Luther dies in seinem kleinen Katechismus zusammen gefasst. Viele von uns lernten diese Worte früher im Konfirmandenunterricht auswendig. Sie sind für unsere heutige Ohren etwas sperrig, aber sie drücken aus, was für Martin Luther die Mitte seines Glaubens war:

 

Ich glaube, dass Jesus Christus,

wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren

und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren,

sei mein Herr,

der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat,

erworben, gewonnen von allen Sünden,

vom Tode und von der Gewalt des Teufels;

nicht mit Gold oder Silber,

sondern mit seinem heiligen, teuren Blut

und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben;

damit ich sein eigen sei

und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene

in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit,

gleichwie er ist auferstanden vom Tode,

lebet und regieret in Ewigkeit.

Das ist gewisslich wahr.

Amen

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