Die aktuelle Predigt

Pfarrer Hans Veit

 

 

 

 

 

Hier finden Sie die aktuelle Predigt vom letzten Gottesdienst.

Aktuelle Predigt:

Liebe Gemeinde,

es gibt sie immer noch, die Vorurteile über Menschen, die sonntags in die Kirche gehen. Erst am vergangenen Wochenende hat es mir auf dem Fauststadtfest wieder jemand gesagt: „Wissen Sie, ich mag Sie schon, aber nicht ihre Schäfchen. Die rennen in die Kirche, tun da fromm und im Alltag handeln sie ganz anders.“ Und jemand anders unterstrich: „Das hat mein Großvater schon immer gesagt: Scheinheilig in die Kirche rennen und dann so leben.“ Dann fiel der Satz: „Besonders die ganz Frommen sind die Schlimmsten.“

 

Ich nehme das eigentlich nicht so ernst. Ersten: Weil ich Sie, liebe Kirchgänger kenne und schätze. Weil ich weiß, dass der größte Teil der ernsthaften Christen versuchen im Alltag das zu leben, was sie glauben. Und weil ich ahne, dass dieses Feindbild deshalb gepflegt wird, um für sich eine Entschuldigung zu haben – eine Entschuldigung, dass man selbst nicht im Gottesdienst auftaucht.

 

Allerding muss ich und müssen wir trotzdem prüfen, ob da etwas dran ist. Zu einem, weil auch in der Bibel dieser Vorwurf im Raum steht: „Ihr glaubt an Gott und dann lebt ihr, als ob es ihn nicht geben würde.“ Unser heutiger Bibelabschnitt hat dies zum Thema. Und zum Anderen: Gerade beim Fauststadtfest haben einige mitbekommen, dass ausgerechnet an einem christlichen Stand sich eine Szene abgespielte, die eigentlich mit dem Christsein nicht vereinbar ist. Ich erhielt einige deutliche Reaktionen darauf.

 

Nun, es kann nicht sein, dass wir uns der Unsitte anschließen, über andere zu reden oder gar zu lästern. Natürlich könnte ich auch viele Beispiele erzählen, wie manche Christen sich absolut daneben benehmen und alles andere als ein gutes Zeugnis für Christus sind. Doch die Pflege dieses Feindbildes lenkt nur ab – lenkt ab von dem, was der heutige Bibelabschnitt uns sagen will. Wie in einem Spiegel möchte er uns zeigen, wie wir leben, wo es bei uns eine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, zwischen Glaubensinhalt und Glaubensleben gibt. Lasst uns also den Bibelabschnitt mit den richtigen Ohren hören und fragen: Wo bin ich hier angesprochen?

 

Unser Predigttext steht im 1. Brief des Johannes. Er beginnt mit einer Grundlegung und Zuspitzung – im ersten Vers schreibt Johannes vom Inhalt der christlichen Botschaft, von der Mitte des Evangeliums: „Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.“

 

Vielleicht bemerken wir es gar nicht mehr – bei jedem Gottesdienst brennen auf dem Altar Kerzen. Nicht nur in der Advents- und Weihnachtszeit spielen sie eine große Rolle. Nicht nur in der düsteren Jahreszeit, wenn uns der Lichtmangel auf die Seele schlagen will, leuchten sie uns besonders hell, strahlen Wärme und Geborgenheit aus. Nein jeden Gottesdienst leuchten sie.

 

Die Kerzen erzählen uns: „Christus ist das Licht der Welt.“ Oder wie es der Predigttext sagt: „Gott ist Licht.“ Das  ist ihre Botschaft. Gott ist heilig, er ist rein – er ist ohne eine Spur von Finsternis. Seine unbedingte Liebe strahlt hell. Gott ist mein Licht und mein Heil; bei ihm finde ich Wärme und Geborgenheit.

 

Dass Licht lebensnotwendig ist, wissen wir. Keine Pflanze, kein Lebewesen kann ohne Licht auskommen. Ohne Licht gibt es kein Leben. Ganz eindrücklich wird es uns im Schöpfungsbericht beschrieben: Am Anfang war die Erde wüst und leer – Dunkelheit regierte und es gab kein Leben. Und da sprach Gott: Es werde Licht – und es ward Licht. Gott schuf das Licht und schuf damit das Leben.

 

Die Kerzen auf dem Altar möchten uns also jeden Sonntag sagen: „Gott ist dein Licht.“ Dieses Licht ist für dein Leben lebensnotwendig. Er ist dein Licht und dein Heil. Ohne ihn würdest du nicht existieren. Ohne sein Licht wäre dein Leben Finsternis – du wärst vom wahren Leben abgeschnitten .

 

Die Kerze weist aber nicht nur auf Gott als Licht der Welt hin. Sie will auch sagen: „Gottes Licht zündet ein Licht in uns an; lasst dieses Licht leuchten. Seid, wer ihr seid – Kinder des Lichts.“ Ich lese den Predigttext weiter:

 

„Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit Gott haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.“

 

Gemeinschaft mit Gott haben und so zu leben, dass dies sich nicht auswirkt ist Selbstbetrug. Ich betrüge mich um die Wahrheit. Ich betrüge mich um die Gemeinschaft mit Gott. Bin dann „schein-heilig“ – also nur zum Schein mit Gott verbunden. So radikal schreibt es Johannes an seine Gemeinde damals.

 

Dabei bezieht er sich auf ein Wort Jesu. „Ihr seid das Licht der Welt“ sagt er zu seinen Nachfolgern. Christsein heißt, in seinem Licht zu wandeln. Sein Licht, seine Liebe und Güte ausstrahlen. Seine Wahrheit leben. Gemeinschaft mit Gott haben heißt, selbst Licht zu sein. Und das Kennzeichen, ob wir solche Lichter der Welt sind, zeigt sich für Johannes zuerst an einer konkreten Stelle: An der Gemeinschaft in der Gemeinde, an der Liebe untereinander. Licht sein heißt, gemeinschaftsfähig und liebesfähig zu sein.

 

Warum betont Johannes dies so? Nun, die meisten Ausleger vermuten, dass es damals Spaltungen in der Gemeinde gab. Es gab Christen, die waren so von sich überzeugt, dass sie sich von den anderen abhoben und auf sie herabblickten. Sie waren davon überzeugt, dass sie das wahre Licht sind und die anderen höchstens Tranfunzeln. Sie waren davon überzeugt, dass sie diese Welt mit ihren Dunkelheiten überwunden haben und dass sie ohne Sünde sind. Deshalb setzten sie sich von den anderen ab. Ein altes Thema, dass Christen aller Zeiten kennen. Auch heute sagen manche oder tun so: „Eigentlich bin ich ganz ok – eigentlich kann ich keine große Fehler bei mir entdecken. Mein Glaube ist in Ordnung und besser als der, der anderen.“

 

Hier widerspricht Johannes deutlich. An unseren Taten werdet wir erkannt. An der Liebe untereinander wird deutlich, ob wir im Licht oder in der Dunkelheit leben. Denn im Lichte gesehen werden gerade unsere Dunkelheiten sichtbar: „Wer meint, ohne Sünde zu sein, der lügt sich und andere an. Er betrügt sich um die Wahrheit. Und er stellt sich damit gegen das Licht Gottes, gegen das Leben.“

 

Gott ist eindeutig – aber wir sind immer zweideutig. Die Schöpfung ist immer zweideutig – denn in ihr ist nicht nur Licht, sondern auch Finsternis. Martin Luther sagt deshalb: Wir sind immer beides: Sünder und Gerechtfertigte zugleich.

 

Das ist nach unserem Bibelabschnitt eigentlich alles auch kein Problem! Wer sich im Licht Gottes sieht, erkennt, wie er wirklich ist! Ihm werden seine Schattenseiten bewusst. Wer zur richtigen Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis kommt, der darf sich sagen lassen: „Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ Unser Problem ist also nicht die Sünde, das Getrenntsein von Gott, die Zielverfehlung – unser Problem ist unsere Scheinheiligkeit, unser Selbstbetrug.

 

Wer also meint, nicht zu sündigen, belügt sich selbst. Wer meint, er könnte sich über andere erheben oder er sei besonders fromm, der betrügt sich selbst. Er ist wie ein Kranker, dem der Arzt seine Krebskrankheit diagnostiziert und der dann zum Arzt sagt: „Lassen Sie mich in Ruhe, ich brauche ihre Hilfe nicht. Ich glaub ihnen sowieso nicht, dass ich eine Krankheit habe.“

 

Johannes geht es also erstens darum, dass wir unsere Lebenswirklichkeit erkennen. Selbsterkenntnis ist der beste Weg zur Besserung. Und zweitens geht es ihm dann um Veränderung. Ich lese den Predigttext zu Ende: „Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. Und daran merken wir, dass wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht. Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat.“

 

Das ist also das Zweite: Lebt das, was ihr seid – ein Licht in der Welt. Kommt von der Selbsterkenntnis zu einer Lebensführung, die eurem Glauben entspricht. Die Christus entspricht. Ruht euch nicht darauf aus, dass ihr Sünder und Gerechte zugleich sind. Ruht euch nicht darauf aus, dass es ja keinen Menschen gibt, der ohne Sünde ist. Nehmt das nicht als Entschuldigung, sondern als Anlass, noch bewusster zu leben.

 

Johannes wird in seinem Brief ganz konkret. Er schreibt: „Am Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“, entdecken wir, ob wir im Licht oder in der Finsternis wandeln.“ Ich zitiere ein paar Stellen: „Wenn wir im Licht wandeln, dann haben wir Gemeinschaft untereinander.“ Oder: „Wer sagt, er liebt Gott und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner.“ Oder: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihn. Darum: Lasst uns untereinander lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“

 

Liebe Gemeinde, so einfach ist das. An der Liebe untereinander werden wir erkannt. An der Liebe, wie wir in der Gemeinde, in der Familie, in der Nachbarschaft, in der Schule und am Arbeitsplatz miteinander umgehen, wird erkannt, ob wir als Kinder des Lichts leben.

 

Diese Wahrheit kann schwer zu verdauen sein. Man könnte sie, so wie ich es am Eingang erzählte, uns um die Ohren schlagen und sagen: „Sieh doch wie du lebst, und du willst ein Christ sein!“ Auch das kann geschehen – dass es mir nicht andere sagen, sondern ich es in einem lichten Moment selbst erkenne: „Ich bin hell entsetzt über meine Lieblosigkeit und wie gelähmt über meine fromme Rechthaberei.“ Und vielleicht folgt dann auch gleich der Gedanke: „Aber, wie soll ich mich denn verändern. Ich bin doch, der ich bin.“

 

Ich spüre in unserem Bibeltext eine andere Tonlage. Gott schlägt uns hier die Wahrheit nicht um die Ohren – ganz im Gegenteil – seine Wahrheit ist wie ein Mantel, den er uns vorsichtig umlegt. Seine Wahrheit lähmt nicht, sondern baut auf. Er sagt: „Ihr seid das Licht der Welt! Ihr seid  Kinder des Lichts! Nun lebt doch, was ihr seid.“ Christen machen Fehler und dürfen Fehler machen, das zeichnet sie ja gerade aus. Denn Christen leben von der Vergebung. Christen hören das Gebot der Nächstenliebe auch nicht als ein hartes Gesetz, das sie sowieso nicht erfüllen können. Nach Ostern und Pfingsten ist klar: Gott fordert nicht nur, als Licht zu leben; er schafft auch das Wollen und das Vollbringen. Deshalb ist die Aufforderung in unserem Predigttext: „Wandelt im Licht Gottes. Bewegt euch bewusst in der Gegenwart Gottes. Bleibt in ihm und er bleibt in euch.“

 

Im Johannesevangelium nimmt der Schreiber ein Wort Jesu auf, ein anderes Bild, dass leicht zu verstehen ist. Ein Bildwort, dass ich bei fast jedem Abendmahl zitiere. Jesus sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt automatisch viel Frucht.“

 

Ich finde es schön, dass wir uns heute nicht nur Gedanken darüber machen, was schief in unserem Christsein läuft. Dass wir nicht nur darüber erschrecken, wie wenig wir manchmal das verinnerlicht haben, für was wir eigentlich stehen. Und es dann oft auch nicht leben und ausstrahlen. Sondern dass wir heute auch das in Anspruch nehmen, was genauso deutlich gesagt wird: „Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ Schön, dass wir heute Abendmahl feiern und damit das Licht in uns neu entzünden lassen – das Licht Christi. Schön, dass wir gestärkt von Christi Liebe dann in den Alltag gehen und entdecken – er schafft es neu – das Wollen und das Vollbringen. Amen.

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